Sprachförderung?


Da ich häufig gefragt werde, ob eine Sprachförderung im Kindergarten nicht genügen würde oder ergänzend weitergeführt werden soll, zitiere ich hier folgende Artikel (Quelle: www.dbl-ev.de/index.php?id=996)

Sprachförderung - Sprachtherapie: Welche Kinder brauchen was?

Wenn Eltern Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung ihres Kindes feststellen, sollten sie sich nicht verrückt machen lassen, sondern in Ruhe die Entwicklung des Kindes mit dem Kinderarzt besprechen. Tatsächlich verläuft die Sprachentwicklung sehr variabel, bei dem einen Kind früher oder schneller, bei dem anderen später und mühsamer. Bei vielen Kindern wechseln sich Phasen von großen Fortschritten mit Phasen scheinbarer Stagnation ab. Gerade bei jüngeren Kindern haben aber Eltern, die nicht durch eigene existentielle Probleme abgelenkt sind, ein meist sehr gutes Gespür dafür, wann ihr Kind ein echtes Problem entwickelt. Der Kinderarzt (oder ein Facharzt für Stimm- und Sprachstörungen), der auch im Verdachtsfall zur Logopädin weiter verweisen kann, ist der erste Ansprechpartner für besorgte und auch verunsicherte Eltern.

Sprachförderung kann Sprachtherapie nicht ersetzen

Die Programme zur vorschulischen Sprachförderung, die für viele sprachschwache Kinder eine große Chance darstellen, können für Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung zur Förderfalle werden. Denn durch die Teilnahme an für alle sprachauffälligen Kinder konzipierten Fördermaßnahmen kann eine echte Sprachentwicklungsstörung nicht überwunden werden. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass mit einer allgemeinen Sprachförderung bei Kindern mit Sprachstörungen nach dem dritten Lebensjahr keinerlei Aufholeffekte mehr zu erreichen sind. Trotzdem werden immer wieder Kinder, die eine Sprachtherapie brauchen, in eine allgemeine Sprachfördermaßnahme geschickt.

Ein Grund hierfür ist der verbreitete Mythos, nach dem soziale Faktoren, wie beispielsweise eine mangelnde sprachliche Anregung durch die Eltern, ursächlich für die Entstehung von Sprachentwicklungsstörungen sind, denen man mit pädagogischen Mitteln zu begegnen können glaubt. Doch es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die genetische Prädisposition der entscheidende Faktor für eine Sprachentwicklungsstörung ist.

Ein weiterer Grund ist die falsche Auffassung, dass sprachliche Auffälligkeiten bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern "natürlich" im gleichzeitigen Erlernen mehrerer Sprachen begründet seien. Dagegen belegen wissenschaftliche Studien, dass das Risiko für eine Sprachentwick­lungs­störung bei bilingualen Kindern sogar eher geringer ist als bei Kindern, die nur eine Sprache sprechen. Wenn jedoch eine Störung auftritt, ist diese in der Regel bei mehrsprachigen Kindern besonders schwer ausgeprägt.

                                                                                                                                                                             

 

Berufspolitisches:

Reaktion auf den Verordnungsrückgang nach der Äußerung von Frau Hoffschildt im Ärzteblatt

 

Quelle: Forum Logopädie Heft 6 (27) November 2013

Sehr geehrte Frau Hoffschildt,
Ihr Interview im Deutschen Ärzteblatt ist eine Chance, die Berechtigung der Logopädie, ihre Anliegen und Arbeitsweisen der Berufsgruppe der Ärzte näherzubringen. Patienten und auch wir Therapeuten sind
aufgrund der Verordnungspflicht darauf angewiesen, dass Ärzte die Möglichkeiten der Sprachtherapie und ihre Bedeutung für die Kommunikations- und Integrationsfähigkeit gehandicapter Erwachsener und Kinder
in die Gesellschaft erkennen. Leider ist Ihnen dies insbesondere in Bezug auf die Kinderärzte nicht gelungen. Wie Sie wissen, vollzieht sich seit Jahren ein schleichender Rückgang in der Verordnung sprachtherapeutischer Maßnahmen, insbesondere im Vorschulbereich. Viele Ärzte argumentieren besorgten Eltern gegenüber
mit ihrem begrenzten Budget oder beruhigen die Eltern mit den Worten, dass sich das Sprachproblem des Kindes noch „verwachsen“ werde. Hinzu kommt seit wenigen Jahren die Möglichkeit der Sprachförderung im Kindergarten. Dies ist ein willkommenes Instrument, um Eltern in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen und für Ärzte eine Möglichkeit die Verantwortung zu delegieren. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass die Sprachförderung im Kindergarten“ qualitativ höchst unterschiedlich durchgeführt wird. Nicht zuständig für „umweltbedingte Sprachfördermaßnahmen”? Sie machen es sich meiner Ansicht nach zu einfach, indem Sie argumentieren, dass wir als Logopäden für „umweltbedingte Sprachfördermaßnahmen“ nicht zuständig
sind. Ihrer Darstellung nach sind „Migrationshintergründe und ein schlechtes Sprachangebot” die Ursache hierfür und die Förderung der betroffenen Kinder gehöre in den Bereich der Bildung.
Ich stimme Ihnen durchaus zu, dass es zum Teil Defizite im Erziehungsbereich gibt und Eltern aufgrund verschiedenster Gründe ihren Kindern nicht die sprachliche Anregung oder das sprachliche Vorbild zukom-
men lassen können, das für eine potenziell störungsfreie Sprachentwicklung notwendig wäre.
Wir müssen jedoch die tatsächlichen Gegebenheiten berücksichtigen und fragen: Was passiert mit diesen Kindern? Haben sie bereits verloren, weil Eltern oder Bildungseinrichtungen nicht in ausreichendem Maß
in der Lage sind, ihnen das zu geben, was sie für eine gesunde Gesamtentwicklung brauchen?
Ihre Annahme, derartige Auffälligkeiten könnten durch die sprachfördernde Maßnahmen in Kindergärten ausgeglichen werden, greift m.E. viel zu kurz. Diese Kinder drohen bereits im Vorschulalter durch
das Netz zu fallen. Und wir als kompetente Fachkräfte ziehen uns aus der Affäre, indem wir uns „nicht zuständig“ fühlen und nach dem Staat rufen. Das ist mir zu billig, denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir
eine gesellschaftliche Verantwortung tragen und uns als Lobby gerade für die Kinder starkmachen müssen.
Achtung Förderfalle Mit Ihren Äußerungen zur Behandlung von kindlichen Sprachstörungen ist großer
Schaden entstanden. Kinderärzte werden in Zukunft noch viel stärker hinterfragen, ob eine Behandlung durch Logopäden überhaupt notwendig ist. Es ist ein großer Fehler zu glauben, dass Kindergärten und Schulen auch bei Ganztagsbetreuung mit Integration und Inklusion „alles richten werden“. Eltern wiegen sich in dem Glauben, die Defizite im Spracherwerb bzw. in der Gesamtentwicklung ihrer Kinder würden im Rahmen dieser Ganztagsbetreuung behandelt und ausgeglichen. Vergessen Sie nicht, dass die Anforderungen in der Schule bereits ab der ersten Klasse gestiegen sind, dass es zudem eine große Diskrepanz gibt zwischen „dauergeförderten“ Kindern, die bereits zur Einschulung lesen, schreiben und rechnen können, und
Kindern, die das noch nicht können und auch nicht können müssen. Aus meiner langjährigen beruflichen Erfah-
rung kann ich Ihnen berichten, dass zu viele Kinder erst kurz vor der Einschulung und in erschreckend zunehmendem Maße erst in der zweiten oder dritten Klasse vorstellig werden. Bei genauerem rückblickendem
Hinsehen lassen sich immer bereits im Vorschulalter Hinweise auf Auffälligkeiten erkennen.
Die schulpolitisch gewollte Tendenz, Kinder immer früher einzuschulen und zu ignorieren, dass sich Hirnreifungsprozesse deshalb nicht schneller vollziehen, ist ein weiteres Hindernis, das es vielen Kindern
schwermacht, ihre eigentlichen Potenziale auf der Basis der Vorläuferfähigkeiten ohne Leistungsdruck entwickeln zu können. Kampf gegen Bürokratie. Nachdem ich nun mehrfach erfahren musste, dass insbesondere Pädiater sehr irritiert von Ihrem Interview sind und hinterfragen, ob sie nicht auch zu viel verordnen, denke ich, dass vonseiten des Verbandes zwingend Maßnahmen ergriffen werden müssen, um das entstandene Bild wieder geradezurücken. Insbesondere wir freiberuflich tätigen Logopäden kämpfen täglich gegen bürokratische Hindernisse an. Eltern betroffener Kinder müssen viel Zeit, Energie und Beharrlichkeit
aufbringen, um sogar bereits begonnene Therapien fortführen zu können. Es sollte uns um das Wohl der Kinder gehen, auch und gerade derer, die in sozial benachteiligtem Umfeld aufwachsen müssen.
Wir alle, Therapeuten, Ärzte, Lehrer etc. sollten unser Bestes geben, diesen Kindern eine Chance zu geben, und ihnen helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und Nachteile ausgleichen zu können. Es sollte uns darum
gehen, Ausgrenzung zu vermeiden. Mit unserer Kompetenz für die sprachliche Entwicklungsförderung ist es unsere Aufgabe und unser Ziel, Kinder und Eltern zu unterstützen. Wenn wir uns jetzt klein machen und
zulassen, dass andere sprachliche Entwicklungsprobleme kleinreden und nach Kassenlage darüber entscheiden, lieber nicht zu fördern/zu behandeln und wider besseres Wissen darauf zu hoffen, dass sich alles
„verwächst“, werden wir all diesen Kindern und längerfristig der Gesellschaft keinen Dienst erweisen.
Deshalb bitte ich Sie eindringlich, die von Ihnen gemachten Äußerungen zu überdenken und - nicht nur verbandsintern – richtigzustellen. Es geht ebenso darum, den „Kuschelkurs” aufzugeben, klare Positionen
zu beziehen und dabei auch Auseinandersetzungen für die richtige Sache zu riskieren.

Mit freundlichem Gruß
Andrea Niebel, Berlin

(Logopädin und Ehefrau von Dirk Niebel (Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung)

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